Was bringen Kunstinsuline?

31.07.2007 von Administrator Leave a reply »

Apidra®, Humalog® und NovoRapid® auf dem Prüfstand

Insuline sind für viele Zuckerkranke (Diabetiker) ein wichtiger Teil der Behandlung. Seit einiger Zeit drängen neue teure Kunstinsuline (auch Insulinanaloga genannt) auf den Markt. Angeblich sollen sie besser sein als übliches Humaninsulin. Doch an dieser Behauptung der Hersteller ist offensichtlich nicht viel dran. Dafür gibt es aber ungeklärte Risiken. Wegen der hohen Kosten von Insulinanaloga – ohne erkennbare Vorteile bei Altersdiabetes (Typ 2 Diabetes) – werden die Krankenkassen die Kosten möglicherweise schon bald nicht mehr generell übernehmen.

Ist schneller wirklich besser? Das zumindest behaupten die Hersteller für ihre Kunstinsuline. Das Beispiel stammt aus einer Werbung in einer Ärztezeitschrift.

„Humaner geht’s nicht” – die­se Werbung galt vor mehr als zwei Jahrzehnten einem neuen Humaninsulin. Als Hu­maninsuline werden Insuline bezeichnet, die mit dem von der Bauchspeicheldrüse ab­gegebenen Hormon Insulin identisch sind. Bereits wenig später begannen Pharma­hersteller jedoch, die Insulinstruktur ihrer Produkte wieder abzuwandeln. Mitte der 90er Jahre kam das erste künst­lich veränderte Insulin auf den Markt, bei dem einzel­ne Aminosäuren des Insulins ausgetauscht sind. Solche Insulinvarianten werden als Insulinanaloga, Kunstinsuline oder Designerinsuline be­zeichnet.

Echte Vorteile?

Heute ist bereits jedes zweite verordnete kurzwirksame In­sulin ein Kunstinsulin. Ange­boten werden Aspart (NovoR?apid®) Glulisin (Apidra®) und Lispro (Humalog®, Liprolog9). Sie wirken schneller und kürzer als entsprechendes Humaninsulin. Aufgrund der veränderten Eigenschaften versprechen die Hersteller mehr Bequemlichkeit und Lebensqualität. Auch andere Vorteile werden behauptet, beispielsweise dass Unter­zuckerungen seltener sind, die blutzuckersenkende Wirkung gleichmäßiger ist und die An­wender zufriedener sind.

Das Argument, dass wahr­scheinlich am stärksten dazu beigetragen hat, dass sich die Kunstinsuline durchge­setzt haben, ist die angeblich komfortablere Anwendung ohne Spritz-Ess-Abstand. Das bedeutet: Es kann nach dem Spritzen des Insulins gleich gegessen werden. Bei Human­insulin wird oft noch dazu geraten, nach dem Spritzen 15 Minuten abzuwarten.

Die­se Empfehlung kann jedoch inzwischen als überholt an­gesehen werden. Auch bei Humaninsulinen wird heute vielfach auf den festen Spritz­-Ess-Abstand verzichtet. Dies spiegelt sich inzwischen in Gebrauchsinformationen von Humaninsulinen wider. Bei­spielsweise wird bei Actrapip® nur noch darauf hingewiesen, dass „innerhalb von 30 Minu­ten” eine Mahlzeit eingenom­men werden sollte.

Fakten sprechen gegen besondere Vorteile

Jetzt hat das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) www.iqwig.de eine ausführ­liche wissenschaftliche Be­wertung der kurzwirksamen Insulinanaloga veröffentlicht. Dabei ging es um die Fra­ge, ob Langzeitstudien einen „patientenrelevanten Zusatz­nutzen gegenüber Humanin­sulin” nachweisen können. Es wurden Studien mit Patienten berücksichtigt, die an „Alters­diabetes” (Typ 2 Diabetes) erkrankt sind.

Das ist die weitaus häufigste Art der Blut­zuckererkrankung.

Schlechte Qualität einer Studie

Das Ergeb­nis ist für die Kunstinsuline niederschmetternd. Zunächst bemängelt das IQWiG die ge­nerell schlechte Qualität der Studien. Dann stellt es fest, dass sich für Kunstinsuline weder eine Überlegenheit in Bezug auf das Risiko von Un­terzuckerungen oder Überzu­ckerungen nachweisen lässt, noch auf die Lebensqualität und die Behandlungszufrie­denheit der Patienten.

Die vorhandenen Studien können zudem nicht klären, ob sich die drei untersuchten kurz­wirksamen Kunstinsuline „po­sitiv, negativ oder neutral im Vergleich zu Humaninsulinen” auf die Lebenserwartung von zuckerkranken Patienten aus­wirken.” Diese Ergebnisse be­stätigen die Bewertungen, die unabhängige Arzneimittelzeit­schriften bereits seit Jahren veröffentlicht haben.“

Trotz fehlendem Nachweis Millionengewinne

Die Firmen haben es also ge­schafft, mit Kunstinsulinen Millionengewinne zu machen, ohne nachzuweisen, dass die Patienten damit besser oder länger leben. Massive Wer­bung und die Beeinflussung von Meinungsführern aus der Ärzteschaft haben dazu bei­getragen.

Risiken nicht aus­reichend geklärt

Die bisherigen Studien kön­nen auch nicht klären, ob sich die Langzeitbehandlung mit Kunstinsulinen krebsfördernd auswirkt.

Der Verdacht, der auf verschiedenen Tierversu­chen und experimentellen Be­funden basiert, besteht aber schon lange: Anfang der 90er Jahre wurde sogar die Erprobung eines – später nicht in den Handel gebrachten – Kunstinsulins abgebrochen, da im Versuch an Ratten auffällig oft Brustkrebs aufgetreten war. Entsprechende Hinweise hat es bisher beim Menschen nicht gegeben.

Es lässt sich nicht ausschlie­ßen, dass Kunstinsuline die Gefährdung erhöhen, infol­ge des Diabetes eine Augen­erkrankung zu bekommen. Trotz der weitreichenden Be­deutung derartiger Verdachts­momente – schließlich werden Insuline lebenslang gespritzt – sind diese Risiken bis heu­te nicht genügend untersucht worden. Die Industrie hat es unterlassen, entsprechende Studien durchzuführen, be­mängelt das IQWiG.

Obwohl also Vorteile für Kunstinsuline nicht belegt und drängende Fragen zur Si­cherheit dieser Medikamente unbeantwortet sind, spritzen inzwischen etwa 1,5 Millio­nen Menschen mit Zucker­krankheit ein kurzwirkendes Kunstinsulin. Diese sind aber etwa 30% teurer als Human­insuline. Der finanzielle Höhen­flug der Kunstinsuline könnte allerdings bald gebremst werden.

Der Gemeinsame Bundesausschuss, der vom Gesetzgeber beauftragt ist, festzulegen, für welche Art von Leistungen die Krankenkassen aufkommen müssen wird sich der Bewertung des IQWiG anschließen müssen und den Einsatz kurzwirken­der Kunstinsuline beschrän­ken. Dies könnte bedeuten, dass Ärzte dann Patienten mit Altersdiabetes nicht mehr neu auf Kunstinsuline einstellen dürfen — zumindest so lan­ge diese teurer als Human­insuline sind. Nach dem ge­genwärtigen Wissensstand bedeutet das für Diabetiker keinen erkennbaren Nachteil. Wer aber bereits gut auf ein Kunstinsulin eingestellt ist, wird wohl bei ,,seinem” Insulin bleiben können. Auf welchem Weg die Insulinverordnungen neu geregelt werden, wird in den nächsten Monaten entschieden.

Quelle: Gute Pillen – schlechte Pillen

 

 

 

 

 

 

 

 

Bookmarken bei:
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • LinkArena
  • MisterWong.DE
  • Technorati
  • Twitter

Themenrelevante Artikel:

  1. ADHD
  2. Medikamenten-Warnung
  3. Krebspatienten wenden sich zu ergänzender Medizin um das Wohlbefinden zu erhöhen
  4. Wer faul, boshaft und unfähig genug ist, kann es sehr, sehr weit bringen.
  5. Diabetes durch Fettlöser in Spülmitteln

Advertisement

Trackbacks /
Pingbacks

  1. Mg buy phentermine.
  2. Zolpidem.

Kommentar schreiben